TSCH TSCH TSCH, JA WAS? 2015

 

Mit den Worten „Tsch tsch tsch, ja was?“ und einem Biss in meinen Finger, der danach gar nicht mehr aufhören wollte zu bluten, ist er in mein Leben getreten. Hektor. Eigentlich als Vogel von der Evolution mit Flügeln ausgestattet, war er eher als fluguntauglich einzustufen.  Wenn er sich dann doch einmal vor lauter Angst ein Herz gefasst hat und den Absprung in das undurchsichtige Element Luft riskierte, sah er eher immer wie eine Motte aus, die ins Licht fliegen will, es sich aber kurzfristig während des Fluges anders überlegt. Aber, dafür hatte er allerdings das für einen Vogel umstrittene Talent,  das Lied „Kuckuck ruft‘s aus dem Wald“ singen zu können. Die Meinungen mögen da auseinander gehen und die Sinnhaftigkeit in Frage gestellt sein. Manch einer wird behaupten, er war zu sehr vermenschlicht. Er lebte nun mal unter Menschen, da bleibt eine gewisse wechselwirkende Dynamik nicht aus. Ein anderer wieder wird sagen, der arme Vogel kann nicht fliegen, ein Vogel muss doch fliegen können.  Aber was muss man denn? Nur weil alle meinen, das etwas so oder so sein muss, nur weil es immer so war, ist für mich eher ein Indiz für zu wenig Phantasie. Für mich eher ein Grund meine Verhaltensstrukturen zu ändern. Wer will schon sein wie „jedervogel“? Ich würde denken, fliegen können doch alle Vögel, aber „Kuckuck ruft‘s aus dem Wald“ singen, das können sicherlich nicht sehr viele gefiederte Mitplanetenbewohner und das macht ihn zu etwas besonderen. Ein Tupfer Rot im uniformen Grau. Sehr interessiert an allem. Allerdings mit einer großen Portion Angst im Nacken, hat seine Neugier doch immer wieder triumphiert. Neugierig, schüchtern und auf der Suche nach Liebe hat er Pfeile in alle Himmelsrichtungen versandt. Einer davon traf mich beim Besuch des Tierheims mitten ins Herz. Ein Angriff auf meine Gefühle, dem ich nichts entgegenzusetzen hatte und auch nichts entgegen setzen wollte. Außer Liebe und der daraus resultierenden Zärtlichkeit zwischen zwei Lebewesen.   Eine klitzekleine fragile Daseinsblase war am Entstehen begriffen, um mit Liebe gefüllt zu werden. Liebe, ein Miniversum aus Ereignisfetzen, diese Augenblicksfetzen werden zu einem Augenblick der Zärtlichkeit und dieser Augenblick füllt das Blatt der Liebe bis es zu Boden fällt. Leider waren es nur drei von 43 Jahren die Hektor bei uns verbracht hat, bevor das Blatt zu Boden gefallen ist. Ein Blatt, beschrieben von uns und den Ereignissen in seinem Leben die für ihn von Bedeutung waren.  Ich würde mir wünschen, dass wir für ihn bedeutend genug waren, um einen kleinen Teil seines Lebensblättchens zu füllen. Sein Leben fiel wie eine Feder dem Ende entgegen, lebenslang angetrieben von Hauch der Vergänglichkeit, so wie das deine. Die Bedeutung liegt nicht in der Größe, sie liegt im wahrhaftigen Sein. Der Tod kam schnell. Es ging ihm nur fünf Tage schlecht. Am fünften Tag lag ich mit ihm den ganzen Tag im Bett unter der Bettdecke und ich habe mich von ihm verabschiedet. Er hat es uns einfach gemacht, mit „Tsch tsch tsch, ja was?“ hat er uns begrüßt und mit „Tsch tsch“ ist er gestorben. Bye-bye  mein kleiner Liebling. Im Bild zu sehen ist Hektor als zentrales Element, um ihn herum die Ereignisfetzen seines Lebens.

 

 

160 x 120 cm, Bleistift, Buntstift         .